Der Schwarzwald als Rückzugsort und Kraftquell
Aufbruch in eine neue Zeit nach dunklen Jahren.

„Februar 1933 – Der Winter der Literatur“, „Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary“ oder „Die Buchhandlung der Exilanten - Paris 1940 - Zuflucht und Widerstand“ sind drei Beispiele für erfolgreiche erzählende Sachbücher aus den letzten Jahren. Uwe Wittstock, Florian Illies und Uwe Neumahr gehen dabei nach dem gleichen Muster vor. Sie fokussieren größere historische Entwicklungen auf einen engen Zeitraum. Gleichzeitig konzentrieren sie sich im Wesentlichen auf einen Ort, an dem die Fäden des Geschehens zusammenlaufen. Ebenso wird der Fokus auf etliche Hauptpersonen gelegt, deren Weg man so dicht folgt, dass man manchmal das Gefühl hat, bei einem gemütlichen Abendessen oder einer dramatischen Flucht direkt dabei gewesen zu sein. Unzählige Quellen, vor allem auch Briefe und Tagebücher, werden ausgewertet, um diesen Effekt zu erzielen. Berlin, die Mittelmeerküste und Paris sind die Schauplätze der eingangs genannten Bücher.
Vor wenigen Tagen erschien nun mit „Das Dorf der Visionäre – Aufbruch in die Bundesrepublik 1827 – 1947“ ein Band, der Weltgeschehen beinahe vor unserer Haustüre folgt. Gunilla Eschenbach und Rainer Bayreuther begeben sich dazu nach Saig im Hochschwarzwald. Diese kleine Gemeinde, nicht weit vom Titisee entfernt und heute ein Teil der Gemeinde Lenzkirch, wurde in den Jahren der Weimarer Republik, des Dritten Reichs und den Aufbaujahren der Bundesrepublik Deutschland zum Anlaufpunkt, Anker und Fluchtpunkt zahlreicher Künstler und Wissenschaftler. Zu Beginn waren es vor allem Professoren der Universität Freiburg, allen voran der Philosoph Martin Heidegger, die im Schwarzwald einen Rückzugsort für ungestörtes Denken und vertieften Austausch mit den Studenten suchten. Bald folgten Künstler, die sich für kürzere oder längere Zeit hier niederließen. Nicht immer zur reinen Freude der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner. So wird der Saiger Pfarrer mit deutlicher Kritik an der Überbetonung der Körperkultur und der Schädigung des Dorfsonntags durch die Neuankömmlinge zitiert. Die Einheimischen erkannten aber auch bald, dass die Berichte der Literaten, vor allem von Uli Klimmsch, den aufkommenden Tourismus unterstützten. Und in den Kriegs- und Notzeiten wuchs schnell ein stabiler Zusammenhalt dieser so vielfältigen Gemeinschaft.
Der Freiburger Historiker Gerhard Ritter knüpft von diesem abgelegenen Ort aus enge Kontakte zu den Widerständlern des 20. Juli 1944. Später sorgte er dafür, dass die Gedanken dieser Gruppe und ihre Pläne für ein Deutschland nach Hitler breit verbreitet wurden. Und dies wird wieder aus Saig heraus geschehen. Hier versammeln sich nach dem Zusammenbruch versprengte Journalisten der Frankfurter Zeitung. Schon im Dezember 1945 erscheint die erste Ausgabe einer neuen Zeitung „Die Gegenwart“. 1959 wird sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgehen. Gunilla Eschenbach und Rainer Bayreuther liefern hier auch ein großartiges Zeugnis deutscher Pressegeschichte mit dem späteren F.A.Z.-Herausgeber Benno Reifenberg im Zentrum. Beinahe skurril aus heutiger Sicht muten die Kämpfe an, die die Redaktion der Gegenwart mit den Zensoren der französischen Besatzungsmacht zu bestehen hatten. Zusammengefasst heißt es im Buch: „Dazu ein Journalismus, der mit Zensur, Papiermangel, unterbrochenen Eisenbahnlinien und Postwegen, mit den ungeheuren europäischen Visionen direkt aus dem Bürofenster nicht aufregender sein könnte.“ Und so ist das gesamte Buch: spannend und anregend und höchst lesenswert.
Dem Autorenduo ist ein Werk gelungen, das die eingangs dargestellte Serie mikrohistorischer Panoramen in gelungener Form fortführt. Die handelnden Personen sind vielleicht nicht so bekannt wie die Protagonisten der anderen Bücher. Umso wichtiger ist „Das Dorf der Visionäre“, macht es uns doch auch mit Personen bekannt, die den Aufbau unseres Landes wesentlich mitgestalteten.
„Das Dorf der Visionäre – Aufbruch in die Bundesrepublik 1827 – 1947“ von Gunilla Eschenbach und Rainer Bayreuther ist erschienen im Gutkind Verlag, 464 Seiten, 30 Euro
Foto: Leonhard Lenz, CC0, via Wikimedia Commons








