Ein kleiner Ort und ein großer Roman
"Die Lücken" von Shida Bazyar

Aus der Longlist wurde eine Shortlist. Anstatt zwanzig Titeln sind nur noch sechs im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2026. Es sind sechs sehr gute Romane, aber wir haben einen persönlichen Favoriten, ein Buch, das wir für besonders gelungen halten. Und dieses wollen wir Ihnen heute vorstellen. Nicht entscheidend für unsere Auswahl war, dass die Autorin Shida Bazyar in unserer Stadt keine Unbekannte ist. Aber es ist ein schöner Nebeneffekt. Ihr Roman „Drei Kameradinnen“ war 2024 das Buch von „Mannheim liest ein Buch“ und die Autorin blieb hier mit einem sehr gelungenen und sympathischen Auftritt zur Eröffnung der Aktion in Erinnerung.
Auch „Die Lücken“ baut auf dem persönlichen Erfahrungshorizont der Autorin auf. Ihre Eltern mussten nach der islamischen Revolution den Iran verlassen, die Tochter wurde in Hermeskeil im Hunsrück geboren und erlebte die Kindheit eines Flüchtlingskindes in der Provinz. Im Roman spielen gleich zwei Flüchtlingsfamilien eine zentrale Rolle und manche Szene dürfte auf eigenen Erlebnissen und Erfahrungen basieren. Trotzdem kann „Die Lücken“ nicht in die Reihe der vielen autofiktionalen Romane gestellt werden, die in den letzten Jahren erschienen. Die Autorin geht nämlich weit darüber hinaus, sie befasst sich mit der Vergangenheit ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger in Zeiten, die weit vor ihrer Ankunft liegen, und mit Themen, die in ihrer Kindheit zuhause sicher nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben.
Der Bogen, den Shida Bazyar spannt, reicht von den 1920er-Jahren bis in die ersten Jahre des neuen Jahrtausends. Vom unbeschwerten Zusammenleben jüdischer und nichtjüdischer Einwohnerinnen und Einwohner in den ersten geschilderten Jahren über die Zeit des Dritten Reichs mit der Judenvernichtung und den Nachkriegsjahren bis in die Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung mit dem verstärkten Zuzug von Flüchtlingen. All diese Ereignisse bilden den Rahmen des Romans und spiegeln sich vor allem in den Erlebnissen der einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten. Und hier greift die Autorin zu einem besonderen Kniff: Personen, die gelebt haben und deren Lebensweg sich rekonstruieren lässt, und fiktive Figuren werden in diesem Roman gemischt.
Auch wenn der Ort im Roman Heimesbach heißt, wird schnell deutlich, dass es um Hermeskeil geht und die Autorin die Geschichte dieses Ortes in den letzten einhundert Jahren literarisch bearbeitet. Belegbare Momente der Hermeskeiler Ortsgeschichte bilden den Hintergrund der Romanhandlung. Im Nachwort des Romans erläutert Shida Bazyar diesen Kunstkniff. Sie argumentiert, dass ihr diese Verlagerung der Handlung an einen erdachten Ort ihr größere künstlerische Freiheiten ermöglicht habe. Und man kann getrost davon ausgehen, dass auch der einen oder anderen fiktiven Gestalt Charakterzüge oder Verhaltensmuster von realen existierenden Personen zugeschrieben wurden.
Sehr nahe an der Realität bleibt sie bei der Beschreibung der ehemaligen jüdischen Nachbarn, die fliehen mussten, vertrieben und ermordet wurden. Sie werden mit diesem Roman stärker dem Vergessen entrissen, als es mit einer Gedenktafel möglich wäre.
Der Roman folgt den Lebensläufen und Ereignissen nicht chronologisch. Scheinbar willkürlich folgen einzelne kurze Kapitel aufeinander. Wie Scheinwerferspots beleuchten sie einzelne Momente aus den Jahrzehnten und auf dem Lebensweg der einzelnen Figuren. Mag es am Anfang etwas mühsam sein, ob der Vielzahl der eingeführten Personen einen Überblick zu bewahren, erschließt sich schnell auch der Vorteil dieser Technik. Nichts ist abgeschlossen, es wird deutlich, wie Entscheidungen und Handlungen bis in spätere Zeiten und Epochen nachwirken. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen muss man hinzufügen: und weiter nachwirken werden. Beängstigend sind die Kapitel, in denen geschildert wird, wie aus lautstarken Nazigegnern Mitläufer und Aktivisten werden, wie einer ehemaligen besten Freundin plötzlich mit Misstrauen begegnet wird, wie Menschen sich nicht genieren, vom Leid ihrer Nachbarn und jahrzehntelangen Weggefährten zu profitieren und hemmungslos Wohnungen, Möbel und Hausrat übernehmen. Nachdenklich machen die Abschnitte, die sich mit dem Umgang mit der Vergangenheit in den Nachkriegsjahrzehnten befassen. Bis in die Familien hinein zieht sich die unterschiedliche Haltung, was zu der naheliegenden Reaktion führt, das Thema möglichst ausgiebig zu beschweigen. Hier werden die titelgebenden Lücken mehr als deutlich.
Beinahe lehrreich könnte man die Episoden nennen, die sich um das Leben der beiden Flüchtlingsfamilien aus dem Iran drehen. Was Flucht bedeutet, wie schwer es ist, in einer fremden Umgebung Fuß zu fassen, wird bei beiden Familien deutlich. Immer wieder fällt auf, wie viele Missverständnisse entstehen, weil einfachste Verhaltensmuster der einheimischen Gesellschaft nicht bekannt sind oder falsch gedeutet werden. Beinahe schon skurril wirken die Szenen, wenn der iranische Junge, nun schon ein junger Mann, seine Freundin erstmals mit nach Hause bringt. Der Roman zeigt aber auch, dass es „die Flüchtlingsfamilie“ nicht gibt. Bald hören die Gemeinsamkeiten beider Familien auf. Unterschiedliche Konsequenzen werden aus dem Schicksal gezogen und unterschiedlich sind die Ergebnisse für den weiteren Lebensweg. Eine Familie versucht so schnell wie möglich anzukommen, die Eltern quälen sich als Erwachsene durch Berufsausbildungen, der Blick ist nach vorne gerichtet, sogar ein Hausbau in einem Neubaugebiet wird möglich. Die zweite Familie verharrt noch jahrelang im Rückblick. Man träumt von der Heimkehr, von einer erneuten Revolution und versäumt es lange, das Leben in der neuen Heimat zu organisieren. Ein Punkt, den einer der Söhne Jahre später ausgerechnet bei seiner Abifeier mit Bitterkeit registrieren wird. Gerade an dieser Stelle fällt eines auf: die Kapitel über die Flüchtlingsfamilien sind sehr positiv geschrieben. Die zwei Familien treffen auf hilfsbereite Menschen, Türen stehen offen und Freundschaften mit einheimischen Familien entstehen. Die Kinder machen das Abitur, auch diejenigen, die sich eher selbst organisieren mussten, und später geht es an die Uni. Ablehnung und rassistische Vorfälle gibt es auch, aber sie werden aus der Distanz geschrieben, beispielsweise als Ereignis aus einer fernen Stadt in der abendlichen Fernsehsendung. Und Azad, einer der beiden iranischen Familienväter, der als Hausmeister in den städtischen Turnhallen arbeitet, erfährt nie, dass ihn die alte Turnlehrerin des Diebstahls verdächtigt und bei seinem Vorgesetzten entsprechend beschuldigt, als sie ihren Schlüsselbund nicht mehr finden kann. Es ist ein Chef, der souverän reagiert, die aufgebrachte, aber schon etwas verwirrte Dame und ihren Schlüsselbund wieder zusammenbringt und den Fall still beerdigt. Hoffen wir, dass solche Reaktionen auch in Zukunft nicht nur romanhafte Episoden sind.
Die vom Zeitstrahl losgelöste Reihung der Kapitel führt dazu, dass zeitlich entfernt liegende Ereignisse sich im Kopf der Leserinnen und Leser viel intensiver miteinander verbinden, als dies in der Chronologie der Fall wäre. Dabei entstehen auch gedankliche Verknüpfungen zwischen Flucht und Vertreibung aus Deutschland in den Jahren um 1933 und Flucht und Vertreibung nach Deutschland in der aktuellen Geschichte. Wobei die Konzentration des Romans auf einen Ort dazu führt, dass die Perspektive unterschiedlich ist. Im einen Fall sind die für die Vertreibung Verantwortlichen präsent, im anderen Fall treten diese nur in der Erinnerung der Vertriebenen auf. Im einen Fall wird der Weg zur Vertreibung und Vernichtung ausführlich geschildert, im anderen Fall findet sich dies nur in kurzen Erinnerungsmomenten.
Andreas Platthaus stellte in der F.A.Z. fest, hier werde „deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt, wie es bisher noch nicht getan wurde.“ Vielleicht brauchte es dafür eine Autorin, die auf das 20. Jahrhundert ohne familiäre Verflechtungen und Belastungen zurückblicken konnte, die aber gleichzeitig bereit war, sich intensiv auf die Geschichte ihres Geburtsorts einzulassen. Wie intensiv sich Shida Bazyar damit auseinandergesetzt hat, wird auch auf der Seite Gaumusterdorf Hermeskeil deutlich. Hier finden Sie zahlreiche Orte, die auch im Roman eine Rolle spielen. Es sind Orte jüdischen Lebens sowie Plätze und Bauwerke, die im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Planung entstanden, Hermeskeil zum Gaumusterdorf zu entwickeln. Gestaltet wurde diese Seite von einer Projektgruppe, die sich für die Erinnerung an die jüdische Geschichte in Hermeskeil und Umgebung einsetzt. Vor allem die Geschichte der jüdischen Gemeinde während der NS-Zeit soll bewahrt und sichtbar gemacht werden. Eine der Autorinnen der Texte zu den einzelnen Stationen ist Shida Bazyar.
„Die Lücken“ von Shida Bazyar ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, 25 Euro.








